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GESTRANDET IN MAROKKO

  • Autorenbild: Soy
    Soy
  • 27. Juli 2020
  • 6 Min. Lesezeit

Gestrandet in Marokko



Wie aus zwei Monaten Freiwilligenarbeit zwei Wochen wurden. Mein Freiwilligeneinsatz in Marokko und wie mir der Corona Virus einen Strich durch die Rechnung machte.


Bunte Souk Märkte, wo ein wildes Gewusel herrscht, wo der Geruch von Staub und orientalischen Gewürzen in der Luft hängt und wo das Treiben nur ab und zu durch den Ruf des Muezzins[1]für einen Moment innehält. So habe ich mir das Leben in Marokko vorgestellt, als ich mich dazu entschied während zwei Monaten Freiwilligenarbeit an einem Kindergarten in Tanger, im Norden Marokkos, zu leisten. Was jedoch nicht vorgesehen war, dass nur drei Wochen nach meiner Ankunft ein Virus die Kontrolle über meine Pläne und über die Zukunft nehmen würde.

Vom Leben in Marokko und dem Abenteuer Corona-Krise.



Die bunten Souk Märkte Marrakechs.

Die ersten Eindrücke Marokkos überraschten mich. Tatsächlich konnten sie meinen Vorstellungen Stand halten, übertrafen sie sogar.

Meine Reise startete am 24. Februar in Marrakesch, der roten Stadt nördlich des hohen Atlas. Marrakech macht seinem Namen alle Ehre. Die Mauern der Stadt sind in den verschiedensten Tönen eines Wüstenrot gestrichen. Auf den Souks sind Gewürze in allen Farben zu sehen, deren Gerüche sich mit dem Geruch von aufgewühltem Sand vermischen, wenn die Marokkaner mit ihren Motorrädern vorbeirasen. Zu diesem Zeitpunkt war der Corona Virus noch nicht so weit verbreitet. So reichte auf dem Hinflug nach Marrakesch ein Fragebogen bezüglich unseres Gesundheitszustands aus, um die Einreise sicherzustellen. Dass ich nur drei Wochen später wieder in Marrakesch sein und dort festsitzen würde, hätte ich damals nie gedacht. Wie drastisch sich die Lage auf der Welt drei Wochen später verändern würde, war unvorstellbar.


Ich genoss also die Zeit in Marrakesch und nach einer Woche reiste ich am 27. Februar weiter nach Tanger. Tanger liegt im Norden Marokkos, an der Spitze Afrikas, von wo aus in der Ferne die Küste Spaniens zu erkennen ist. Die internationale Hafenstadt gefiel mir auf

Über den Dächern von Tanger.

Anhieb. Auf den Strassen wird auf arabisch, französisch und sogar auf spanisch diskutiert und die europäischen Kulturen treffen auf die afrikanischen. Auch im französischen Kindergarten, wo ich die nächsten Monate arbeiten sollte, fand ich mich schnell zurecht und wurde mit offenen Armen im Team aufgenommen. So habe ich mich schnell an das Leben in Marokko gewöhnt, fand bald meinen Rhythmus und ein neues zu Hause in Tanger.

Nach meiner ersten Arbeitswoche ging dann alles ziemlich schnell. Zuerst vernahm ich am 6. März von den Ausnahmezuständen in Italien. Zwei Wochen nach dem Beginn[2]des grossen Ausbruchs hatte der Corona Virus inzwischen die Mehrheit des Landes ziemlich aggressiv befallen und schon bald führte Italien[3]die Spitze der Länder mit den meisten Infizierten an. Kurz darauf hörte man auch von anderen europäischen Ländern, in denen sich der Corona Virus in kurzer Zeit rasant ausgebreitet hat. Daraufhin wurden in den meisten europäischen Ländern die Schulen geschlossen, Konzerte abgesagt und nach und nach mussten auch immer mehr Geschäfte, Cafés und Restaurants schliessen. Zur selben Zeit in Marokko ging das Leben weiter wie bisher und die Marokkaner liessen sich zunächst nichts anmerken. Nur ab und zu kriegte man auf den Strassen anstatt den üblichen Anmachsprüchen, ein „Hola Corona“[4]oder so Ähnliches zu hören. Doch schon bald wurden auch hier Änderungen vorgenommen und erste Massnahmen eingeführt. Ende meiner zweiten Arbeitswoche verordnete der König am 13. März die Schliessung der Seegrenzen. Ein Tag später, am 14. März, wurde dann verkündet, dass nun auch alle Schulen auf unbestimmte Zeit schliessen müssen. Damit ging nach zwei Wochen mein Freiwilligeneinsatz am französischen Kindergarten zu Ende und ich sass vorerst in der Wohnung fest. Bald darauf wurde auch der Flugverkehr ins Ausland eingeschränkt und schliesslich am 15. März bis am 31. März[5]bis auf Weiteres ganz eingestellt. Vom kleinen Resten Hoffnung, dass durch die frühe Einführung der strikten Massnahmen die Lage in Marokko schnell besser würde, war mittlerweile nicht mehr viel übrig. Die Geschehnisse in Europa und die rasante Ausbreitung des Corona Virus färbten langsam aber sicher auch auf Marokko ab. Ein Tag nach der Einstellung des Flugverkehrs mussten auch hier bis auf die Supermärkte alle Geschäfte, Bars, Cafés und Restaurants geschlossen werden und beinahe täglich kamen neue Anordnungen hinzu. Glücklicherweise war ich nicht alleine und konnte mein Leid mit meinen zwei Mitbewohnerinnen Karin und Sofia[6]teilen. Wir hielten uns gegenseitig auf dem Laufenden, sprachen uns regelmässig über das Thema aus und versuchten uns irgendwie abzulenken. Nach knapp einer Woche, wurde schliesslich am Donnerstagabend 19. März Marokko vom König eine landesweite Ausgangsperre auferlegt. Jetzt war klar, dass wir die nächsten Wochen, vielleicht sogar Monate, in Quarantäne festsitzen würden und wahrscheinlich nicht so schnell wieder das Land verlassen können.

Am Samstag dem 21. März mussten wir dann unerwartet eine Entscheidung treffen. Es fing an, als Sofia gegen Abend von ihrem Bekannten eine Nachricht erhielt. Sofia ist halb Marokkanerin und der Bekannte lebt ebenfalls in Tanger. Er informierte sie, dass in der Nacht von Montag auf Dienstag der ganze Bus- und Zugverkehr eingestellt würde, um das Reisen zwischen den Städten zu verhindern. Bei einer kurzen Krisensitzung einigten wir uns, dass wir noch am nächsten Tag nach Marrakesch fahren müssen, bevor wir nicht mehr aus Tanger rauskommen würden. Wir rechneten damit, dass in Marrakesch unsere Chancen auf einen Sonderflug höher stehen, da dort wesentlich mehr Touristen gestrandet sind als in Tanger. Zudem lebt eine der Tanten von Sofia in Marrakesch und sie bot uns an bei ihr unter zu kommen. Dann begannen wir langsam mit dem Packen und nebenbei beschlossen wir noch endlich einen Flug Anfangs April zu buchen, da aktuell der Flugverkehr nur bis am 31. März gestoppt war. Plötzlich blinkt das Handy von Sofia erneut auf, eine neue Nachricht ihres Bekannten aus Tanger. Daraufhin ging alles rasend schnell. In der Nachricht stand, dass die Einstellung des Bus- und Zugverkehrs schon in der Nacht von Samstag auf Sonntag gestoppt würde. Es blieben uns noch knapp vier bis fünf Stunden, um uns zu entscheiden und hinterher Tanger zu verlassen. Der Entscheid war jedoch schon längst gefällt. Wir liessen alles stehen und liegen und fingen sofort an zu packen. Denn in ungefähr dreissig Minuten würde uns ein “grand taxi”[7]abholen und zum Bahnhof fahren. Zum Glück hatten wir zuvor schon angefangen mit Packen. So fanden wir noch Zeit, in letzter Minute online ein Zugticket zu kaufen, die Küche einigermassen auszuräumen und soviel brauchbare Esswaren wie möglich einzupacken. Kurze Zeit später sassen wir auch schon im Taxi, auf dem Weg zum Bahnhof und eine gute Stunde später stiegen wir in den letzten Zug nach Marrakesch.


Der Sonnenaufgang im Morgengrauen.

Der Nachtzug war rappelvoll. Wie Sardinen in der Dose waren wir in unserem Abteil eng zusammengequetscht. Es war unbequem, und man konnte höchstens ein bis zwei Stunden schlafen, um dann wegen Schmerzen in den Knien oder einem schmerzenden Po vom langen Sitzen aufzuwachen. Doch als nicht mehr weit von Marrakesch entfernt die Sonne aufging, vergass man die nervenauftreibende Nacht. Der Himmel wurde heller und vor unseren verschlafenen Augen erstreckten sich die endlos weiten Felder in Mitten einer wüstenartigen Landschaft. Das Bild, welches sich uns offenbarte, strahlte eine tiefe Ruhe und Gelassenheit aus. Es gab uns neuen Mut, dass nun alles gut kommen würde und wir die richtige Entscheidung getroffen hatten. Erst in diesem Moment konnte ich erstmals seit dem Abend zuvor herunterfahren, mich entspannen und halbwegs beruhigt ausatmen.

Nun sitze ich zu Hause und blicke zurück auf meine Zeit in Marokko und was sie mir alles gebracht hat. Nach der Ankunft in Marrakesch richteten wir uns bei der Tante von Sofia ein. Wir lebten auf engem Raum, in der sonst schon eher kleinen Wohnung und bemühten uns nicht gegenseitig auf die Füsse zu treten. Dann hiess es abwarten. Abwarten bis die Botschaft mit uns in Kontakt tritt und wir nach Hause können. Unerwartet schnell erhielten wir am nächsten Tag, dem 23. März, gegen 17:00 die erhoffte Nachricht. Die schweizerische Botschaft hatte uns kontaktiert und informierte uns über einen Rettungslug am nächsten Tag von Casablanca nach Zürich. Ein Bus würde uns am nächsten Morgen in Marrakesch vor dem Hotel Atlas ADSIN erwarten, um dort die gestrandeten Schweizer abzuholen. Anschliessend würden wir zum Flughafen in Casablanca chauffiert. Somit wurde unser Aufenthalt in Marokko abgebrochen und das Warten hatte ein Ende.


Schweizer Botschaft in Marokko.
Schweizer Botschaft in Marokko.

Im Nachhinein schaue ich mit einem weinenden und einem lachenden Auge, auf meine Zeit in Marokko und was sie mich alles gelernt hat, auch wenn es nicht wie erwartet war. Doch oftmals ist das Unerwartete, letzten Endes genau das, was man eigentlich brauchte und lernen musste, über sich und über das Leben.



Besitos Soy



[1]Ein Muezzin ruft die Muslime zum Gebet auf. [2]Quelle: welt.de [3]Quelle: wikipedia.org [4]Spanisch für „Hallo Corona“. [5]Quelle: dein-marokko.de [6]Karin und Sofia entsprechen nicht ihren wirklichen Namen. [7]Marokkanischer Typ von Taxi, welches weitere Distanzen fährt und von mehreren Passagieren geteilt wird.






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