Über den Abnabelungsprozess zur Selbständigkeit:
- Soy

- 28. Sept. 2020
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 28. Sept. 2020
Und plötzlich hast DU das Zepter in der Hand.
Und dann kommen plötzlich Zweifel auf
Zweifel, dass ich mich nie wirklich
an einem anderen Ort
zu Hause fühlen kann,
als hier.
⁃ Soy
In meinen Notizen hatte ich dieses kleine Gedicht anfangs Juli geschrieben. Ich war gerade auf dem Weg zu einer guten Freundin, die vor einiger Zeit ausgezogen ist. In diesem Moment überlegte ich mir plötzlich, wie es wohl wäre selbst auszuziehen, weg von zu Hause. Gedanken durchquerten meinen Kopf, es wurden immer mehr, sie formierten sich zu einem Gedicht und ich tippte sie nieder in meine Notizen.
Nicht, dass ich nicht schon länger als ein, zwei Wochen von zu Hause weg gewesen wäre. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits mehrere Monate alleine in einem fremden Land gelebt und mir dort ein eigenes Umfeld aufgebaut. Doch bis jetzt hatte meine Zeit weg vom Vertrauten Milieu, meiner Familie und meinen Freunden immer ein Ablaufdatum. Irgendwann war mein Aufenthalt zu einem Ende gekommen und ich kehrte immer wieder zurück in mein Zuhause.
Was und wo ist überhaupt „zu Hause“? Sein Zuhause zu definieren und mit Worten zu umschreiben ist gar nicht so leicht. Vielleicht jedoch, weil man es nicht unbedingt mit einem Begriff oder einem Ort verbindet. Vielmehr ist es ein Gefühl von Geborgenheit in seinem Innern und wo man einfach so sein kann, wie man ist und sich dabei wohlfühlt. Sich nicht geniert auch einmal ungeschminkt, mit zerzausten Haaren und im Pyjama schlaftrunken durch die Wohnung zu taumeln.
Derartige Emotionen überkommen und durchströmen uns oftmals in Begegnung mit der eigenen Familie, Verwandten oder sehr engen Freunden. Diese Gefühle lösen Menschen aus, denen man alles anvertraut und die dich Inn und auswendig kennen und dich schon in beinahe jeder Verfassung gesehen haben.
Doch das Leben schreitet voran, in schnellen, grossen Schritten und die Zeit, sie fliegt. Kaum aus den Kinderschuhen herausgewachsen, war auch schon die anstrengende Zeit als Teenager, geführt von hormonellen Schwingung, nahezu vorbei und man wird unsanft in die Erwachsenenwelt geschubst. Nach dem Abschluss folgte ein Zwischenjahr, dass durch den Corona Virus leider durcheinandergebracht wurde. Die Zeit blieb jedoch nicht stehen und verging im Fluge. Schon wurde es wieder warm, der Sommer kam und das Studium stand vor der Tür. Was vor kurzem noch in ferner Zukunft und Ungewissheit lag, war nun Realität geworden. Jeder Neuanfang bringt auch seine Veränderungen mit sich, vor allem solch wichtigen Entscheidungen für die Zukunft. So ziehen plötzlich die ersten Freunde aus, studieren am anderen Ende der Schweiz, fangen eine neue Stelle an oder gehen auf Reise oder wagen sich ein Stück weiter vor, auf dem Weg ihr Hobby zum Beruf zu machen. Änderungen in einem solchen Ausmass bringen eine andere, neue Dynamik in den Freundeskreis oder auch in die Familie. Zuerst scheint ein Umschwung oftmals schwierig und umständlich. Wichtig in solchen Momenten ist das Vertrauen. Denn klar ist, wenn es eine wahre und aufrichtige Freundschaft oder Beziehung ist, wird man sich in jeder Lage, ist der Wandel noch so gross, arrangieren können. Die Frage ist, ob es den Betroffenen
wichtig, von Bedeutung ist und ihnen viel an der Aufrechterhaltung der Beziehung liegen würde. Lautet die Antwort ja, wird sich immer eine Lösung oder ein Kompromiss finden.
Dass man sich bald solchen Dingen oder Fragen stellen muss wie, wo gibt es die besten Aktionen, wie entferne ich einen Fettfleck oder wieviel muss ich für die ebenkosten einkalkulieren, scheint noch weit entfernt. Solche Gedanken werden gerne schnell beiseite geschoben mit der Ausrede, man habe schliesslich noch genügend Zeit.
Plötzlich ist es dann soweit. Ein unterschriebener Mietvertrag liegt in meinen Händen und ich war in Besitz meiner ersten, eigenen Wohnung, gemeinsam mit zwei anderen, mir fremden Studentinnen, in einer fremden Stadt.Da Geld leider nicht auf Bäumen wächst, begab ich mich sofort auf Jobsuche. Schreib Bewerbung, um Bewerbung bis meine Finger wund waren und rannte durch die ganze Stadt mit meinem Lebenslauf im Gepäck.
Jetzt ist es definitiv, ich befinde mich bereits im Endstadium der Abnabelungsphase und habe langsam aber sicher das Zepter selbst in der Hand.
Einige der letzten, wichtigen Schritte in die Selbstständigkeit und Autonomie sind getan und nun stehe ich auf eigenen Füssen. Klar, was das Finanzielle angeht, kann ich noch nicht behaupten völlig losgelöst und unabhängig von meinen Eltern zu sein, aber das Ziel ist schon zum greifen nah. Wie stehe ich zu dem Ganzen und zu den vielen Umschwünge?
Gemischte Gefühle begleiten mich auf meinen neuen Wegen. Einerseits halte ich es kaum aus vor Freude, endlich im eigenständigen, erwachsen Leben angekommen zu sein, alles scheint sich langsam aber sicher zu fügen und findet seinen Platz. Auf der anderen Seite kommen plötzlich Zweifel auf, wie ich es auch in meinem Gedicht geschrieben hatte. Zweifel, mein zu Hause zu verlassen, ohne ein neues vor zu finden. Zweifel, dass ich mich nicht wohlfühlen werde, keinen sozialen Anschluss finde, an der Uni nicht ausreichen könnte, keinen Job habe und nicht an- und klar komme, in dieser für mich „neuen“ Welt.
Kurz gesagt jagt mich vor allem die Angst vor dem Versagen. Ich habe verdamm nochmals Schiss, diesen nächsten Schritt nicht zu schaffen, vom versorgten, unschuldigen und beschützten Teenager zur selbstständigen Erwachsenen.
Doch wie mein Papa mir in solchen Momenten immer sagen würde:
„Lass jetzt erstmals alles auf dich zu kommen und mache dir nicht gleich zu Beginn einen solchen Druck. Vor allem aber, habe Vertrauen in dich und deine Fähigkeiten!“
Oder wie meine Mama mir immer vor einem wichtigen Ereignis, einer Prüfung sagt:
„ Du brauchst kein Glück, du kannst es und du das weisst du!“
Mir diesen Worten wünsche ich euch alles Gute für die kommenden Woche und viel Mut und Vertrauen für alle Neuanfänger, die ins kalte Wasser geworfen werden!




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